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Leseprobe aus Bill Wilsons Buch:
Einäugige Könige
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Taschenbuch, 176 Seiten, CHF 22.80

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Kapitel 1
Der Prozess der Macht
Man erreicht den Wendepunkt im Prozess des
Erwachsenwerdens, wenn man jene innere Kraft entdeckt,
die alle Verletzungen überlebt.1
Vor fünfhundert Jahren hat der holländische Philosoph Desiderius Erasmus
den viel zitierten Satz geprägt: «Unter den Blinden ist der Einäugige
König.» Ich glaube nicht, dass jemand einen einäugigen König
auswählen würde, um die Rolle des Anführers zu übernehmen. Nur ein Prophet
würde einen Behinderten unter den Gesunden und Gescheiten aussuchen.
Und damit stellt sich automatisch die Frage: Wer sind diese einäugigen
Könige?
Einäugige Könige sind gewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche
Dinge vollbracht haben. Sie sind nicht ausgebildet. Sie empfinden sich als
ungeeignet. Sie haben ihre eigenen Probleme und Sorgen. Doch trotz ihrer
Unzulänglichkeiten, werden sie zu jenen einäugigen Königen unter den Blinden,
wie das Sprichwort sagt. Sie sind in der Lage, einfach ein klein wenig
mehr zu sehen, als die Menschen um sie herum.
Einäugige Könige haben einen großen Wert, das ist eine unbestreitbare
biblische Wahrheit. In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth sagt Paulus
es folgendermaßen:
Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise
nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene
sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott
erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach
ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache,
was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat
Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was
etwas ist.
1. Korinther 1,26-29 (LUT)
Gott hat das Schwache und das Törichte und das Niedrige erwählt, zu
einäugigen Königen in einer blinden Welt zu werden. Die Bibel ist voller Beispiele,
wie einfache Menschen Außergewöhnliches vollbracht haben. Im Alten
Testament hat Gott immer und immer wieder einäugige Könige ausgewählt,
um seinen Absichten zu dienen. Im Neuen Testament wählte Jesus einäugige
Könige zu seinen Jüngern. Und heute sucht Gott immer noch einäugige Könige
aus, um seine Pläne auszuführen.
In der Bibel lesen wir in 1.Samuel 17 die berühmte Geschichte von dem
bis dahin unbekannten Hirtenjungen David, dem jüngsten von Jesses acht
Söhnen und dem stärksten Krieger der Philisterarmee, dem Riesen Goliat aus
Gath. Menschen, die in der Gemeinde «aufgewachsen» sind, haben unter anderem
das Problem, dass sie dazu neigen, den offenen Blick auf die klassischen
Bibelgeschichten zu verlieren. Sie können sie nicht mehr so lesen, dass sie
neue Erkenntnisse daraus gewinnen. Ich hoffe, dass Sie beim Lesen dieses
Buches Ihre vorgefasste Meinung beiseite legen und Ihr Herz dafür öffnen
können, alte Geschichten in einem neuen Licht zu sehen.
Man wird nicht über Nacht zum König. Es ist ein Prozess.
Zugegeben, die Geschichte von David und Goliath ist eine fantastische
Geschichte für die Sonntagsschule; aber sie ist auch ein großartiges Beispiel
für Menschen, die sich in einer aussichtslosen Situation befinden. Die Geschichte
beschreibt einen entscheidenden Zeitpunkt im Leben von David. Den
Moment, in dem er sich für Leiterschaft disqualifizieren hätte können. Von
diesem Zeitpunkt an wurde Davids Leben unwiderruflich verändert. Er sollte
einen Prozess durchlaufen, der ihn letztendlich auf den Thron bringen würde.
Man wird nicht über Nacht zum König. Es ist ein Prozess. Abkürzungen
führen lediglich in Sackgassen. Wissen ist Macht, aber Wissen, das zu einfach
erworben wird, ist eine gefährliche Macht. Aus einem Schulbuch gewonnenes
Wissen ist anders als Wissen, das durch Lebenserfahrung erworben wurde.
Der Vollmacht und der Machtstellung muss ein Prozess voraus gehen. Dieser
Prozess ist das Trainingslager, das einen darauf vorbereitet, die Macht zu erleben,
die einen zum König macht.
Das Leben ist ein Prozess. Eine gute Ehe gestalten ist ein andauernder
Prozess. Einen geistlichen Dienst aufzubauen ist ein Prozess. Ein gut gehendes
Geschäft zu führen ist ein Prozess. Jeder erfolgreiche Mensch hat einen
bestimmten Prozess durchlaufen, der ihn auf seine Zukunft vorbereitet
hat.
Im Leben von David sehen wir den Wert dieses Prozesses – ein Prozess,
der den Weg zu der Macht des Thrones geebnet hat. Die Reise vom Schafhirten
zum Hirten Israels war ein langer und anstrengender Prozess, voller
Hindernisse, Verrat und persönlicher Prüfungen. Als David diese Reise antrat,
hatte er noch nicht unbedingt die Eigenschaften, die man braucht um König
zu sein, aber die Entscheidungen, die er auf dieser Reise traf, stärkten seinen
Glauben und bevollmächtigten ihn, die Nation Israel zu regieren.
Der Glaube befähigt uns im Verlauf des Prozesses
Als ich vor über 28 Jahren nach New York kam, hatte ich keinen einzigen
Orientierungspunkt, um die Arbeit zu tun, die Gott mir aufgetragen hatte.
Davenport in Iowa ist sehr weit weg von Brooklyn, New York. Weit weg - nicht
nur in Meilen. Es besteht eine riesige kulturelle Distanz zwischen diesen beiden
Orten. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, worauf ich mich einließ,
als ich die bedeutungsvolle Entscheidung traf, nach Osten zu ziehen. Von
einem Land der Maisfelder in ein Land der Wolkenkratzer zu ziehen, war ein
Akt des Glaubens. In jenen Tagen des Anfangs betrachtete ich mich selbst
nicht unbedingt als einen Mann großen Glaubens. Doch Glaube war nötig,
um ohne einen Cent in der Tasche nach New York zu ziehen, ohne die Unterstützung
einer Gemeinde oder Denomination.
Ich muss zugeben, dass eine weitere Predigt über Glauben das Letzte ist,
was wir brauchen. Wo man auch hinschaut schreiben und reden Menschen
über Glauben. Leider konzentrieren sich die meisten dieser Botschaften über
Glauben heutzutage auf Wohlstand. Prediger beschreiben den Glauben als
den Weg zu Wohlstand, Glück und Ruhm. Sicher, Gott möchte uns mit Finanzen
segnen. Aber ich glaube auch, dass Glauben noch viel mehr ist, als
lediglich ein Schlüssel für finanziellen Segen.
Einäugige Könige finden immer einen Weg, ihre Ängste zu
überwinden und trotz ihres Versagens weiterzumachen.
Ohne Glauben würde es schwierig sein, morgens aufzustehen. Ohne Glauben
würden wir angesichts der Tragödien des Lebens zusammenbrechen.
Ohne Glauben würden wir aufgeben, wenn wir vor Enttäuschung, Verrat, Versagen
und Konflikt stehen. Manchmal drängt das Leben einen in eine Ecke und wenn man sich in einer
hoffnungslosen Situation befindet, in der man keinen Ausweg sieht, liegt
die Versuchung nahe, aufzugeben und sich zurückzuziehen. Ohne Glauben
rutscht man in einen Graben der Verzweiflung und in einen Sumpf der Mittelmäßigkeit.
Einäugige Könige finden immer einen Weg, ihre Ängste zu überwinden
und trotz ihres Versagens weiterzumachen. Der Glaube hebt sie über die Wolke
der Unsicherheit hinweg an einen Ort des stillen Vertrauens – ein Vertrauen,
das sich darauf gründet, wer Gott ist und nicht auf die eigenen Fähigkeiten. ...
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